Barrierefreie Online-Veranstaltungen
So werden digitale Zusammenkünfte inklusiver

Was gut für Menschen mit Einschränkungen ist, ist meistens gut für alle. Dennoch denkt bei „digitaler Barrierefreiheit“ kaum jemand auch an Online-Zusammenkünfte. Wir schon.
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) hat das Thema digitale Barrierefreiheit ins Bewusstsein gerückt. Gut so! Damit verbinden die meisten aber in erster Linie Websites, Dokumente und Online-Shops – also digitale Angebote, die für Menschen mit Einschränkungen zugänglicher gemacht werden sollen.
Wir bei Lindmanns denken auch an Barrierefreiheit bei Online-Veranstaltungen, -Meetings und -Workshops. Seit einigen Jahren beschäftigen wir uns in eigenen Schulungen damit und versuchen, möglichst barrierefreie Online-Formate anzubieten.
Eine Erkenntnis bestätigt sich dabei immer wieder: Online-Formate ermöglichen i. d. R. mehr Menschen Teilhabe als Präsenz-Veranstaltungen, aber sie sind nicht automatisch barrierefrei. Und gleichzeitig lässt sich schon mit einfachen Mitteln eine Menge erreichen. In diesem Ratgeber zeigen wir, welche Barrieren es gibt und wie sie sich Schritt für Schritt abbauen lassen – auch ohne großes Budget.
Was heißt „barrierefrei“ bei Online-Veranstaltungen überhaupt?
Vollständige Barrierefreiheit ist ein hoher Anspruch und ein wichtiger. Er bedeutet: Alle Menschen können an einem Angebot teilhaben, ohne Hindernisse, ohne fremde Hilfe. Das ist die richtige Zielvorgabe für unsere Gesellschaft.
In der Praxis lässt sich dieses Ideal aber häufig nicht zu 100 Prozent erreichen. Ein Grund dafür sind konkurrierende Bedürfnisse, es gibt selten die eine Maßnahme, die alle gleichzeitig erreicht. Auch begrenzte Budgets erlauben es beispielsweise nicht immer, Dolmetschende für Gebärdensprache oder Leichte Sprache zu beauftragen.
Was also tun? Unsere Antwort ist ein pragmatischer Ansatz, um möglichst barrierefrei zu sein: besser wenig als gar nichts. Besser jetzt anfangen als auf die perfekte Lösung warten. Die entscheidende Frage für jede Veranstaltung ist daher: Welche Einschränkungen hat meine Zielgruppe vermutlich, und was kann ich realistischerweise tun, um ihr die Teilnahme zu erleichtern?
Welche Einschränkungen spielen bei Online-Formaten eine Rolle?
Wenn von Barrierefreiheit die Rede ist, denken viele zunächst an Sehen, Hören und Mobilität. Das ist richtig, aber nicht vollständig. Gerade bei Online-Veranstaltungen spielen viele weitere Einschränkungen eine Rolle:
- Körperlich: Sehbehinderungen und Blindheit, Hörbehinderungen und Taubheit, motorische Einschränkungen
- Kognitiv und psychisch: Lernschwierigkeiten, Legasthenie, Dyskalkulie, Depressionen, Angststörungen, Autismusspektrum
- Sprachlich und kulturell: Analphabetismus, mangelnde Lesekompetenz, Teilnehmende mit anderer Muttersprache
- Technisch: geringe Technikkompetenz, schlechte Internetverbindung, veraltete Hardware, nur Mobilgerät verfügbar, strenge Datenschutz- oder Sicherheitsvorgaben der Organisation
Hinzu kommen Mehrfach-Einschränkungen: Jemand, der eine andere Muttersprache spricht und außerdem schlecht hört, steht vor einer doppelten Hürde.
Und hier kommt der Curb-Cut-Effekt ins Spiel: Der Begriff stammt von den abgesenkten Bordsteinkanten: Sie sind für Rollstuhlfahrende gebaut, aber Radfahrende, Eltern mit Kinderwagen und Menschen mit schwerem Gepäck profitieren ebenso. Genauso funktioniert Barrierefreiheit bei Online-Formaten: Untertitel helfen nicht nur Menschen mit Höreinschränkungen, sondern auch Teilnehmenden mit schlechter Tonqualität oder anderer Muttersprache. Klare Struktur nützt nicht nur Menschen mit kognitiven Einschränkungen, sondern schlicht allen.
Typische Barrieren in digitalen Räumen
Wodurch entstehen Barrieren bei Online-Veranstaltungen konkret? Ein Überblick:
- Visuell: schlechte Farbkontraste zwischen Text und Hintergrund, fehlende Beschreibungen für geteilte Bilder und Grafiken, nicht skalierbare Schriftgrößen in Präsentationen
- Auditiv: fehlende Untertitel oder Transkripte, schlechte Tonqualität, kein Dolmetschangebot
- Motorisch: komplexe Navigation in Tools, Steuerung nur per Maus (nicht per Tastatur), hohe Anforderungen an Feinmotorik bei kollaborativen Whiteboards
- Kognitiv: komplexe Sprache und Fachbegriffe, lange Sätze, zu viele Informationen auf einmal, hohes Tempo
- Technisch: Inkompatibilität mit assistiven Technologien wie Screenreadern, hohe Anforderungen an Hardware oder Internetverbindung, Tools, die nur als App und nicht im Browser funktionieren
- Persönlich: unterschiedliche Lerntypen, Energielevel, Kommunikationsgewohnheiten und digitale Vorerfahrungen
Wichtig: Maßnahmen können sich gegenseitig im Wege stehen. Textbausteine, die die Moderation in den Chat schickt, sind für Menschen mit Höreinschränkungen hilfreich. Für jemanden, der einen Screenreader nutzt, können sie aber ablenken oder die Arbeit erschweren. Das macht deutlich: Es braucht keine Checkliste, die man einfach abhakt, sondern ein Nachdenken über die konkrete Zielgruppe.
Konzept und Struktur: Barrieren früh mitdenken
Vieles lässt sich schon beim Konzipieren einer Veranstaltung richtig machen, lange bevor die Teilnehmenden in die Videokonferenz kommen:
- Orientierung: Agenda und Ablauf regelmäßig kommunizieren: Was passiert wann? Wo sind wir gerade? Was kommt noch? Das hilft allen Teilnehmenden, sich zurechtzufinden, aber besonders Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder wenig Vorwissen zum Thema.
- Modular und kompakt: Kleinere, klar abgegrenzte Einheiten sind besser als lange Blöcke. Das schont den Energiehaushalt aller und ist besonders wichtig für Teilnehmende, für die das Online-Format ohnehin anstrengender ist als für andere.
- Pausen: Regelmäßige Pausen sind für alle wichtig. Ganz besonders für Menschen mit eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit oder erhöhtem Energiebedarf. Und: Im Online-Format sind Pausen Bildschirmpausen – kein Smalltalk nebenbei.
- Zeit für Fragen und Erklärungen: Wer mehr Zeit einplant, nimmt auch die mit, die länger brauchen: für Rückfragen, für das Einloggen ins Tool, für das Verstehen eines neuen Konzepts.
- Gruppengröße und Betreuung: Kleinere Gruppen ermöglichen individuellere Betreuung. Wer weiß, dass Teilnehmende mit besonderen Bedarfen anwesend sein werden, sollte ausreichend Betreuungspersonal oder Co-Moderation einplanen.
- Mehrere Kommunikationskanäle: Informationen über verschiedene Kanäle gleichzeitig bereitstellen: auf der Tonspur ankündigen, im Chat wiederholen, auf der Folie zeigen. Wer den einen Kanal nicht gut nutzen kann, greift auf einen anderen zurück.
Wie das in der Praxis aussieht, haben wir bei einem Workshop umgesetzt, den wir beim Digitaltag angeboten haben: Weil u. a. blinde Teilnehmende anwesend waren, haben wir konsequent alles verbalisiert, was zu sehen war. Das fand bei allen Anklang. Was für einige notwendig war, war für alle hilfreich.
Moderation: mit Stimme, Kamera und Chat ist vieles möglich
Die Moderation hat enormen Einfluss auf die Zugänglichkeit einer Online-Veranstaltung, oft ohne zusätzliches Budget. Die wichtigsten Prinzipien:
- Deutlich und in ruhigem Tempo sprechen: Das hilft nicht nur beim Hörverstehen, sondern verbessert auch die Qualität automatischer Untertitel und erleichtert die Arbeit von Dolmetschenden.
- Alles Sichtbare verbalisieren: „Die Grafik zeigt …“, „Alle haben die Hand gehoben“, „Ich teile jetzt meinen Bildschirm“. Was zu sehen ist, muss auch zu hören sein.
- Ankündigen, was als Nächstes kommt: „Gleich machen wir eine kurze Abfrage im Chat.“ Diese einfache Vorankündigung gibt allen Zeit, sich darauf einzustellen.
- Mehrere Wege für Rückmeldungen anbieten: Ton, Chat, Handzeichen, anonym per Umfragetool. Nicht alle können oder wollen auf die gleiche Weise teilnehmen.
- Aktiv zum Melden ermutigen: Explizit darauf hinweisen, dass Teilnehmende sich melden können und sollen, wenn etwas unklar ist oder technische Probleme auftreten. Und mehrere Wege benennen, wie das möglich ist.
Viele dieser Maßnahmen kosten nichts außer Bewusstsein und ein bisschen Übung. Sie verbessern die Qualität einer Veranstaltung für alle Teilnehmenden und nicht nur für die mit Einschränkungen.
Tools: Hilfreich, wenn man sie richtig einsetzt
Kein Videokonferenztool ist pauschal „barrierefrei“. Das gilt auch dann, wenn Anbieter das Gegenteil behaupten. Die Realität: Jedes Tool hat Stärken und Schwächen, je nach Art der Einschränkung und je nach Version.
Was die gängigen Tools wie Zoom, MS Teams oder Webex inzwischen bieten:
- Automatische Untertitel: In vielen Tools integriert, die Qualität hängt aber stark von Tonqualität und Sprechtempo ab. Als Unterstützung hilfreich, als alleinige Lösung nicht immer ausreichend.
- Dolmetschen-Funktion: Zoom bietet eine integrierte Funktion für Sprach- und Gebärdensprachdolmetschen. Wie das in der Praxis funktioniert, haben wir in einem eigenen Tooltipp erklärt: Untertitel und Dolmetschen in Zoom nutzen.
- Screenreader-Kompatibilität: Hier gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Tools, aber auch zwischen Versionen. Wer Teilnehmende erwartet, die auf einen Screenreader angewiesen sind, sollte das konkrete Tool vorab gezielt testen.
Für Interaktionstools wie Abfragen (z. B. Mentimeter), Whiteboards (z. B. Miro) oder ähnliche gilt: Barrierefreiheit vorab prüfen. Viele dieser Tools sind noch nicht konsequent barrierefrei gestaltet. Als Faustregel: Je einfacher das Tool und je weniger Funktionen, desto zugänglicher ist es in der Regel.
Und noch ein Hinweis: Jedes zusätzliche Tool bedeutet eine zusätzliche Hürde für das Verstehen, das Einloggen, das Bedienen. Lieber weniger Tools einsetzen und diese gut erklären.
Von Einladung bis Nachbereitung: Barrierefreiheit im Prozess
Barrierefreiheit hört nicht beim Live-Format auf. Sie beginnt mit der Einladung und endet mit den Nachbereitungsunterlagen.
Vor der Veranstaltung:
- Einladungen, Anmeldeformulare und Kommunikation in barrierefreien Formaten gestalten: klare Sprache, gute Kontraste, saubere Struktur, kurz: screenreader-taugliche PDFs
- Offen kommunizieren, welche Maßnahmen zur Barrierefreiheit angeboten werden: Gibt es Untertitel? Einen Technik-Check vorab? Eine Ansprechperson für besondere Bedarfe?
- Teilnehmenden ermöglichen, das Tool vorab auszuprobieren, idealerweise mit einem optionalen Technik-Check-Termin
- Anleitungen zum Tool vorab schicken, in möglichst einfacher Sprache
Während der Veranstaltung:
- Technischen Support bereitstellen und klar kommunizieren, wie Hilfe angefordert werden kann (Chat, Telefon, E-Mail)
- Informationen auf mehreren Kanälen gleichzeitig bereitstellen
- Bei Bedarf: Untertitelung, Dolmetschen oder andere Unterstützung aktivieren und ansagen
Nach der Veranstaltung:
- Aufzeichnungen, Präsentationen und Handouts in barrierefreien Formaten zur Verfügung stellen
- Follow-up-Kommunikation ebenfalls zugänglich gestalten
- Feedback zur Barrierefreiheit einholen – das ist die beste Grundlage für Verbesserungen beim nächsten Format
Fazit: Anfangen zählt
Vollständige Barrierefreiheit ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Das darf aber kein Grund sein, gar nichts zu tun. Denn schon kleine Maßnahmen machen Online-Formate zugänglicher für Teilnehmende mit Einschränkungen und am Ende für alle.
Unser Rat: Klein anfangen. Prüfen, welche Einschränkungen bei der Zielgruppe relevant sind. Eine Maßnahme nach der anderen umsetzen. Feedback einholen. Dokumentieren, was funktioniert hat, damit du beim nächsten Format nicht bei null anfängst.
Wer Barrierefreiheit als Haltung und nicht nur als Checkliste versteht, wird mit der Zeit automatisch besser.
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